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Presidente GSL Export

Interview mit dem Präsidenten der GSL

Der Präsident von GSl stellt uns vor, die Initiative, die in der Annäherung an ein Ländersystem gelebt wurde, aus ein paar Jahren unter den Augen der internationalen Politiklandschaft. Was wir lesen, stimmt mit den Erfahrungen der ersten Person überein. Hören wir mal, was Frau Cagliani denkt


1. Seit wann und warum hat GSL Interesse am Iran? Wie ist die Idee entstanden, Geschäftbeziehungen mit dem Iran aufzubauen?
Bereits nach der Rezession 2008 haben wir uns Gedanken über den gesättigten europäischen Markt gemacht und darüber, anderswo nach Absatzmärkten zu suchen. Nach einigen wechselhaften Erfahrungen im GUS-Raum in der Zeit von 2013 bis 2014, haben wir 2015 begonnen, die Nahostregion des Persischen Golfes mit einem gewissen Interesse zu betrachten. Die Unterzeichnung der Abkommen in Rom der G5+1 hat zweifellos Licht auf eine seit Jahrzehnten abgespaltene Welt geworfen und unseren Entschluss, mehr darüber zu erfahren, maßgeblich beeinflusst.
2016 haben wir uns dem iranischen Markt dann zum ersten Mal konkret genähert. Ausschlaggebend waren – neben dem Klima großer Öffnung und internationaler Entspannung nach den Abkommen vom Mai 2015 – vor allen Dingen die Ergebnisse der von uns durchgeführten Voruntersuchungen, die uns einen Markt mit extrem großem Entwicklungspotenzial aufgezeigt haben. Im Mai 2016, mit dem erstmaligen Überschreiten der Landesgrenzen, haben wir anlässlich der Beendigung der langen Zeit der internationalen Isolierung ein von Lebendigkeit, Begeisterung und großer Erwartungshaltung erfülltes Klima vorgefunden.
Was die wirtschaftliche Lage Irans angeht, habe ich auf Anhieb den Eindruck gehabt, als kämpfe das Land beharrlich darum, wieder nach oben zu kommen, verletzt und geschändet wie es war, vor allem infolge des achtjährigen Krieges im Irak unter Saddam Hussein, und dem 1995 durch die Vereinigten Staaten verhängten Embargo, das von vielen europäischen, asiatischen und Nahost- Gesellschaften zum Teil umgangen wurde, zumal sie in jenen Jahren dennoch Möglichkeiten fanden, Nutzen aus den Ressourcen des Landes, vorwiegend energetischer und industrieller Art, zu ziehen. Der Aufschwung, der mir nach den internationalen Entspannungen zu jenem Zeitpunkt „galoppierend” erschien, litt noch ein wenig unter einer allgemeinen Starre, machte aber sehr stark und lebhaft den Eindruck eines extrem reichen und in jeder Hinsicht verlockenden Panoramas für Industrie und Handel.


2. Welches Szenarium haben Sie bei Ihren Besuchen vorgefunden? Gibt es das Problem der Verletzung der Menschenrechte tatsächlich? Wie leben und arbeiten die Bürger Irans? Haben Sie sich mit schwierigen Situationen und Restriktionen auseinandersetzen müssen? Welches Vorurteil über den Iran können Sie entkräften? Wenn man der internationalen Propaganda Glauben schenkt, scheint es die Hölle auf Erden zu sein…
Die Lage, die ich vorgefunden habe, war keinesfalls von Angst oder Verschlossenheit geprägt, im Gegenteil, die Menschen wünschten Kontakte und Beziehungen.
Auch wenn meine Aufenthalte nicht über eineinhalb Wochen hinausgingen, kann ich dennoch mit annähernder Sicherheit sagen, dass das Leben im Iran keineswegs beschwerlich, geschweige denn riskant ist (wie man in Europa oftmals glaubhaft machen will). In Teheran, der Stadt, in der ich mich auf meinen Reisen vorwiegend aufgehalten habe, sind die Parks der Stadt bis zum späten Abend von Sportlern, Erholungssuchenden und Familien mit Kindern belebt. Es ist nicht an mir zu unterstreichen, dass die Realität in einigen italienischen Stadtgebieten leider ganz anders aussieht.
Seit meiner ersten Erfahrung im Land 2016 habe ich ein starkes Gefühl von Gesetzesbewusstsein wahrgenommen. Der Rechtsrahmen ist straff und lückenlos und wird mit tadelloser Strenge umgesetzt. In diesem Sinne ist die allgemeine Kriminalität (obgleich selbstverständlich vorhanden) tatsächlich ein sporadisches und gelegentliches Phänomen. Die iranische Ordnung sieht für bestimmte Arten von Straftaten die Todesstrafe vor, das Gleiche gilt aber auch für das hoch zivilisierte Japan, die chinesischen und amerikanischen Supermächte, für Thailand und Indien.
Was das Gemeinschaftsleben und die Lebensbedingungen des iranischen Bürgers (und auch des Landesgastes) betrifft, gibt es diverse, vom westlichen Informationswesen aufoktroyierte Überzeugungen, die nachdrücklich zu dementieren sind. Zunächst einmal muss ich sagen, dass die öffentlichen Verkehrsmittel (ich spreche stets von Teheran) blitzsauber, ordentlich und pünktlich sind (fast so wie bei uns in Italien …). Keine Spur von Bettlern oder Obdachlosen, keine bemalten Mauern oder Waggons, dafür aber unbeschädigte und saubere Sitze. Es gibt Waggons für Frauen (wie in Japan), gemischte Waggons für Familien und für Männer, wobei Frauen das Vorrecht auf den Sitzplatz gegeben wird (denn, im Gegensatz zu dem, was bei uns der Fall ist, werden die Höflichkeits- und Benimmregeln allgemein respektiert). Ein weiterer Irrglaube, der zu widerlegen ist, betrifft die Bekleidung. Da ich Gelegenheit hatte, mich im Sommer (über einen mittellangen Zeitraum) im Iran aufzuhalten, wollte ich mir Gewissheit darüber verschaffen, was möglich war und was nicht. Für Frauen wurde empfohlen, Hosen oder lange, möglichst einfach gemusterte und gearbeitete Kleider zu tragen und den Kopf (auch in symbolischer Weise) mit einem Kopftuch zu bedecken. Dem Mann wird dagegen mehr Freiheit zugestanden: er darf Sandalen, Shorts (bis zum Knie) und kurzärmelige Hemden oder T-Shirts tragen.
Abschließend möchte ich noch einen allgemeinen Überblick über die Bedingung der Frau geben, die ebenfalls als besonderen Deprivationen ausgesetzt dargestellt wird. Die Frauen sind allgemein eher frei. Ich habe mit eigenen Augen auch sehr auffällig geschminkte Frauen oder solche mit gefärbtem Haar unbeschwert durch die Stadt gehen sehen. Ich habe nach und nach den Eindruck gewonnen, dass es der Mann ist, der stärker unterdrückt wird. Nach dem Mehr-Gesetz hat der Mann der Frau den gleichen Lebensstandard zu bieten, den sie vor ihrer Vermählung hatte. Wird dieser Standard nicht eingehalten, kann die Frau die Zahlung des Unterschiedsbetrages einfordern. Außerdem: das iranische Recht sieht vor, dass beim Ableben des Ehemannes das Vermögen an die Frau geht, wohingegen beim Tod der Ehefrau das Vermögen an die Familie der Frau geht und nicht an den Witwer. Die Männer gehen mit 60 Jahren in den Ruhestand, die Frauen mit 55. Wenn die Frau keine Ehe eingeht, hat sie ein Anrecht auf die väterliche Rente auch nach dem Tode der Mutter (diese Art der Hinterbliebenenrente ist im Westen natürlich unbekannt).


3. In welcher Lage befindet sich das Land – das sich in diesen Tagen mit dem neuen harschen Sanktionsplan der USA auseinanderzusetzen hat – derzeit aus politischer, gesellschaftlicher, geschäftlicher und industrieller Sicht?
Die Lage, wie wir sie seit 2016 kennengelernt haben, erinnert sehr an diejenige der sechziger Jahre in Italien, nur mit dem Unterschied, dass das Bildungsniveau der Menschen sehr hoch ist. Die Schulbesuchsquote ist extrem hoch und umfasst oftmals auch die Vollendung der akademischen Ausbildung an der Universität, und das sowohl im In- als auch im Ausland (hauptsächlich in den Vereinigten Staaten, aber auch an europäischen Hochschulen). Zweifellos hat der Anfang 2017 vollzogene Regierungswechsel im Weißen Haus alles andere als positive Ergebnisse erzeugt. Die von Obama geförderte Entspannungspolitik gegenüber der Regierung Rohani ist durch die jähe Verschärfung unter der Administration von Trump gefährdet worden. Ohne unnötige Beschönigung lässt sich sagen, dass diese neue und unerwartete negative Entwicklung schlecht für die gesamte Industrie- und Verarbeitungsbranche ist, die bereits mit enormen Schwierigkeiten zu kämpfen hat durch die ständigen, schonungslosen Schwankungen der heimischen Währung, die jede Verhandlung mit außen zu einem wirklich komplizierten Unterfangen machen.
Auf meiner letzten Reise im vergangenen Sommer, die zeitlich mit dem Beschluss der neuen wirtschaftlich-finanziellen Sanktionsmaßnahmen einherging, habe ich, auch im Rahmen von Gesprächen mit den vor Ort ansässigen diversen Unternehmern, begriffen, in welcher Weise sich das Land auf den von der Regierung Trump eingesetzten Würgegriff einzustellen im Begriff war. In diesem Sinne scheint die derzeit von der iranischen Regierung vorbereitete Strategie, um dem aus Washington aufziehenden Sturm standzuhalten, auf dem Versuch zu basieren, die eigene Wirtschaft zumindest bis zum Ende der Amtszeit von Trump gegen die Auswirkungen der Sanktionen abzuschirmen. Es ist die Rückkehr zum Konzept der „Wirtschaft des Widerstandes”, die 2012 von Ajatollah Ali Khamenei als Antwort auf die westlichen Sanktionen eingeführt wurde. Diesem Konzept zufolge soll das Land dem Druck von außen standhalten, indem es verstärkt die eigenen Kapazitäten mobilisiert: das beinhaltet die inländische Produktion statt des Importes aus dem Ausland, die Einführung des Tauschhandels anstelle des monetären Zahlungsverkehrs, die Rückkehr zu wirtschaftlichen Dreiecksgeschäften über Drittländer, um der finanziellen Isolierung entgegenzuwirken. Im Wesentlichen hat sich die Regierung Rohani an die Richtung gehalten, die bereits 2012 verfolgt wurde, dem Jahr, das der Aufnahme der Verhandlungen voranging, die im November 2013 zur Unterzeichnung des einstweiligen Nuklearabkommens und im Juli 2015 zum Abschluss des definitiven JCPOA-Abkommens geführt haben.
Gegenüber der Zeit vor sechs Jahren gibt es allerdings eine ganze Reihe von Unterschieden. Zunächst einmal stehen die USA heute allein da in ihrer Bestrafungsmission gegen Teheran. Die Europäische Union gleicht sich den Forderungen Amerikas nur der Form halber an, wobei sie zur gleichen Zeit darum bemüht ist, die in den letzten zwei Jahren mit dem Iran aufgebauten Wirtschafts- und Handelskanäle zu schützen. Dieser Umstand, zusammen mit der völligen Sanktionsfreiheit seitens der Vereinten Nationen, lassen in Teheran die Erkenntnis heranreifen, dass die anderen Länder, allen voran die EU, bemüht sind, sich die Mittel anzueignen, um das US-Monopol zu umgehen, wohingegen andere Länder, wie Indien, China und Russland, nicht einmal im Ansatz um eine Anpassung bemüht zu sein scheinen. Weiterhin ist man sich durchaus bewusst, dass sich die Wirtschaftsindikatoren in nächster Zukunft verschlechtern werden – Beweis dafür ist die Abwertung des Rial, der wir bereits seit Jahresbeginn beiwohnen –, aber im Großen und Ganzen findet diese Verschlechterung in einem makroökonomischen Rahmen statt, der stabiler ist als derjenige des Zeitraums 2011-2012. Die Arbeitslosenquote ist auf 11 % gesunken und in der Staatskasse sind Reserven von 130 Milliarden Dollar, 30 mehr als 2012.
Was uns angeht, bestätigen wir das zum jetzigen Zeitpunkt interessante globale Potenzial des Marktes und gleichfalls das Vorhandensein von wichtigen Handelsräumen, sowohl den passiven als auch den aktiven Entwicklungsbereich betreffend. Zum aktuellen Zeitpunkt haben wir einige im Anfangsstadium befindliche Projekte, aber nichts Konkretes, Festes und Funktionstüchtiges.


4. Was erhoffen Sie sich von den internationalen Beziehungen zwischen dem Westen und dem Iran in nächster Zeit? Insbesondere von Italien mit seinen Handelsbeziehungen?
Ich wünsche mir, dass unser Land nach Beendigung dieser alles andere als erquicklichen Zeiten der Verwirrung und Instabilität die mit Teheran eingegangenen und für beide Seiten extrem wichtigen Verpflichtungen beim Aufbau von Industrie- und Handelsbeziehungen beibehalten möge. Persönlich bin ich der Ansicht, dass das Embargo keine der Welt von heute entsprechende Lösung mehr sein kann. Ich denke, die Regierungen sollten darauf hinwirken, das wirtschaftliche Gefüge von diesen negativen Auswirkungen zu befreien. Die heutigen Zeiten, Modalitäten und Kapazitäten sind mit der Begründung langfristiger Handelsbeziehungen vereinbar, die sowohl unserem Land als auch dem Iran von großem Nutzen sein können; ich hoffe, dass die über das Gleichgewicht dieser Welt „Regierenden“ diesem Wunsch stattgeben mögen.